Freitag, 7. September 2018

LIFE IS STRANGE: BEFORE THE STORM - Spielkritik (2018)

Trivia

Originaltitel: Life is Strange: Before the Storm
Genre: Adventure, Episodenspiel
Entwickler: Deck Nine
Publisher: Square Enix
Erstveröffentlichung: 31. August 2017
Verfügbare Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One
Gespielte Plattform: PC
Spielzeit: 17 Stunden
Spielmodus: Singleplayer
Preis: 16,99€ (normale Edition) - 24,82€ (Deluxe Edition)
Altersfreigabe: ab 16 Jahren

Offizielle Website: bit.ly/LiSBTSWebsite
Steam-Website: bit.ly/LiSBTSSteam
Trailer: bit.ly/LiSBTSTrailer

Kurzinhalt

Life is Strange: Before the Storm ist ein Prequel zu Life is Strange und spielt drei Jahre vor den Ereignissen des Hauptspiels. Im Gegensatz zu Life is Strange ist in Before the Storm nicht mehr Maxine Caulfield, sondern die sechzehnjährige Chloe Price die Protagonistin. Nachdem Max Arcadia Bay verließ und gemeinsam mit ihrer Familie nach Seattle zog, verlor Chloe mit dem Tod ihres Vaters und dem Umzug ihrer besten Freundin die zwei wichtigsten Säulen in ihrem Leben. Die darauffolgenden Monate und Jahre verbrachte sie in Einsamkeit, da ihre Kindheitsfreundin auch den Kontakt abbrach. Als sie eines Abends ein Konzert von Firewalk aufsucht, lernt sie die beliebte Rachel Amber kennen, woraufhin sich eine tiefgreifende Freundschaft entwickelt.

Heimkehr nach Arcadia Bay

Mittlerweile liegen ganze drei Jahre zurück, als Entwickler Dontnod Entertainment und Publisher Square Enix das Episodenspiel "Life is Strange" veröffentlichten. Allerdings betrug die Wartezeit bis zum Prequel nur zwei Jahre, bis man erneut in die altbekannte Küstenstadt Arcadia Bay eintauchen konnte. Da sich Dontnod Entertainment mit der Entwicklung von "Vampyr", "The Awesome Adventures of Captain Spirit" und "Life is Strange 2" beschäftigte, kümmerte sich das relativ junge Entwicklerstudio "Deck Nine" um Life is Strange: Before the Storm. Deck Nine war Jahre zuvor unter dem Namen "Idol Minds" bekannt und waren unter anderem für das Actionspiel "Pain", welches für die PlayStation 3 erschien, die PlayStation 3 Portierungen der "Ratchet & Clank Collection" und "Ratchet: Deadlocked" verantwortlich. Desweiteren spezialisierten sie sich von 2012 bis 2016 auf die Entwicklung von Apps für iOS und Android, bis im Jahr 2017 angekündigt wurde, dass sie sich von nun an unter dem Namen Deck Nine auf storylastige Spiele fokussieren würden. Drei Monate nach der Neuorientierung des Teams wurde bereits die erste Episode des Spiels publiziert.

Zugegeben, nachdem ich erfuhr, dass Dontnod für das Prequel nicht zuständig war, war ich anfangs zwiegespalten, ob Deck Nine es überhaupt schafft, würdig mit der Marke umzugehen. Immerhin bereitete mir Life is Strange eine Tour de Force der Gefühle und aufgrund des Endes war ich nicht imstande dazu, die ein oder andere Träne zurückzuhalten. Seitdem gehört Life is Strange zu den wenigen Games, die ich als einer meiner Lieblingsspiele bezeichnen würde. Umso neugieriger war ich dann natürlich, ob Before the Storm auch nur annähernd mit dem "Vorgänger" mithalten könne, vor allem da nun Chloe Price als Hauptfigur agiert. Da ich schon im Hauptteil ein Sympathisant der blauhaarigen Rebellin war, bereitete mir die Wahl der neuen Protagonistin noch mehr Freude. Neben der Euphorie war aber genauso die Skepsis vorhanden, zumal nicht nur ein weitestgehend unbekanntes Studio in die Fußstapfen von Dontnod tritt, sondern auch weil das Schicksal von Chloe und Rachel schon längst besiegelt ist. Ein Spieler, der den vorherigen Teil gespielt hat, weiß wie die Geschichte endet, weshalb ein Prequel Probleme bei der Spannungserzeugung haben könnte. Zudem ist das Zeitreise-Feature aus Life is Strange nicht mehr Teil des Spiels, stattdessen verwendet Chloe Widerworte, um in Gesprächen durch Provokation und starke Argumente die Überhand zu gewinnen. Ebenso wie die neue Spielmechanik ist auch der Plot um einiges bodenständiger, als der seines Vorgängers. Es geht nicht mehr um Mysterien, viel mehr ist Before the Storm eine Coming-of-Age-Geschichte mit ernsten, komplizierten und vor allem erwachsenen Themen, welche immer wieder mit dem bitterbösen Sarkasmus der Schlüsselfigur aufgelockert werden. Besonders gut zu erkennen ist dies gleich am Anfang, wenn man einen Blick in Chloes Tagebuch wirft. Dieses stellt erneut einen Anker für die Gefühlswelt der Protagonistin dar, wodurch die Hauptfigur mehr Tiefe und Substanz erhält. Die Tagebucheinträge sind allesamt humorvoll und emotional geschrieben, weshalb ich mich ziemlich gut mit Chloe identifizieren konnte, nicht zuletzt weil sich ihre Vergangenheit in manchen Punkten mit meiner überschneidet. Auch die anderen Figuren erhalten neue Facetten, wodurch beispielsweise Max eine unsympathische Seite erlangt oder der Charakter von Rachel entmystifiziert wird. Lediglich Eliot wirkt aus dem gesamten Ensemble ziemlich eindimensional und erweckt den Eindruck, als wäre er einfach nur da. Abgesehen davon hat Deck Nine erneut die sogenannte "A Moment of Calm"-Spielmechanik eingebaut, die es erlaubt, das Spieltempo optional zu drosseln. Diese Szenen erinnern besonders stark an Filme wie Kubo and the Two Strings, wo solche Sequenzen als "Lagerfeuerszenen" bezeichnet werden. Solche Szenerien haben die Funktion, sowohl der Protagonistin, als auch dem Spieler selbst, eine Atempause zu verschaffen, wobei man das Geschehene Revue passieren lässt, damit man neue Gedanken für das Bevorstehende sammeln kann.

Die Handlung von Before the Storm ist im Großen und Ganzen ziemlich solide geschrieben, welche insbesondere mit teils großartigen Höhepunkten brilliert (hier ist unter anderem das Theaterstück und die Pen-and-Paper-Runde mit Steph und Mikey zu erwähnen). Allerdings habe ich den Plot nicht umsonst nur als "ziemlich solide" bezeichnet, denn speziell mit dem Storytelling hatte ich einige Probleme. Da sich die Geschichte in einem Zeitraum von zwei bis drei Tagen abspielt, wirkt die rasch aufgebaute Freundschaft zwischen Chloe und Rachel etwas unglaubwürdig. Meines Erachtens nach braucht eine Beziehung zwischen zwei Menschen eine wesentlich größere Zeitspanne als ein paar Tage, um ein stabiles Vertrauensverhältnis zu schaffen. Hinzu kommt, dass die dritte Episode ein bisschen schwächer als die beiden vorherigen ist, da sich das Erzähltempo des Finales zu gehetzt anfühlt. Auch das Ende konnte mich nicht so sehr mitreißen wie der Schlussakt des Originalspiels, weil nach einer gewissen Zeit einfach die Luft raus ist und der persönliche Bezug zum ersten Teil fehlt. Darüber hinaus tritt das Prequel in ein Fettnäpfchen, welches ich mir im vornherein schon denken konnte: die Entscheidungsfreiheit. Obwohl der Spieler immer wieder vor die Wahl gestellt wird, erwecken die Auswirkungen teilweise den Eindruck, als wären sie zu inkonsequent, nahezu egal. Die Aufgabe, Before the Storm mit dem Hintergedanken zu entwickeln, eine gute Handlung zu schreiben, die sich sinnvoll und logisch in den Kanon von Life is Strange fügt, ist in Anbetracht der Umstände keine einfache Herausforderung, zumal Deck Nine Grenzen gesetzt sind, die ohne jeden Zweifel berücksichtigt werden müssen.

Eine Tradition, bei der sich das Prequel aber treu bleibt, ist seine wundervolle und künstlerische Grafik. Erneut setzt das Franchise auf den bereits bekannten Aquarell-Look, der nicht nur schön aussieht, sondern auch heraus sticht. Ich persönlich bin sowohl von realistischen, als auch unkonventionellen Grafikstilen großer Fan, wobei ich zweit genannte aufgrund der Abwechslung bevorzuge. Deshalb lässt sich nicht leugnen, dass ein Look, wie der von Life is Strange, eine gewisse Frische und Kreativität in die Spielebranche bringt. Besonders erfreulich ist, dass man durch die visuelle Aufmachung in jeder Ecke die gewohnte Atmosphäre des Franchise spürt. Immer wieder fühlt es sich ein wenig so an, als würde man nach Hause zurückkehren. Mitverantwortlich dafür ist wohl die liebevolle Detailarbeit, die man auch schon aus dem ersten Game kennt. Überall sind kleine Referenzen an die heutige Popkultur auffindbar, die einem ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Außerdem hat Deck Nine fürs Prequel die englische Indie-Folk-Band Daughter an Bord geholt, die dieses Mal den Großteil des Soundtracks beisteuert. Gekonnt schafft es Daughter mit seiner Tracklist auf einem ebenbürtigen Niveau zu spielen, wie die musikalische Untermalung des Vorgängers. Dabei nutzt die Indieband die verschiedensten Instrumente, um die unterschiedlichen Gefühlszustände der Protagonistin zu untermalen: das Piano für Isolation, E-Gitarren für ihre rebellische Seite und Vocals für Freundschaft. Auch die Synchronsprecher leisten einen tollen Job, allen voran Chloes neue Vocal Actress. In Before the Storm ersetzte diese infolge eines Streiks Ashly Burch, die in Life is Strange Chloe ihre Stimme lieh. Der einzige Negativpunkt, der im audiovisuellen Bereich auffällt, sind die Lippenanimationen der Figuren. Es kommt immer wieder vor, dass diese während den Dialogen asynchron sind. Schlussendlich sei noch gesagt, dass für Life is Strange: Before the Storm eine Deluxe Edition erhältlich ist, die eine Bonusepisode enthält. Diese trägt den Titel "Farewell" und man erlebt praktisch den letzten Tag von Max in Arcadia Bay.

Fazit

Obwohl ich das Prequel in einigen Aspekten kritisiert habe, muss man Deck Nine dennoch loben. Before the Storm ist zwar nicht das bessere Spiel als Life is Strange, allerdings merkt man, dass sich die Entwickler bemühten und einen respektvollen Umgang mit der Marke hegten. Das Game punktet hauptsächlich mit altbekannten Stärken, bei der insbesondere die audiovisuellen Komponenten und die Atmosphäre positiv ins Gewicht fallen. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich in gewisser Hinsicht vom "Nachfolger" enttäuscht bin. Speziell die Narration weist mit seiner Entscheidungsfreiheit und dem gehetzten Erzähltempo einige Schwächen auf, die das Original zum besseren Spiel machen. Zumindest hätte dem Game eine längere Laufzeit gut getan, womit man auch den Erzählfluss besser unter Kontrolle bekommen hätte. Darüber hinaus sei noch zu erwähnen, dass es absolut kein Problem ist, Before the Storm vor Life is Strange zu spielen, wobei ich für den Einstieg das Original empfehlen würde.

Wertung: 7/10 Punkte